Abschied vom Humankapital

„Abschied vom Humankapital“ betitelte unlängst Jan-Bernd Meyer seinen Artikel auf der Webseite des CIO-Magazins. In diesem Artikel ging es um die Ablösung des arbeitenden Menschen durch Roboter. Grundlage des Artikels war unter anderem die Studie „The Future of Employment“ der Oxford Martin School. Die Autoren der Studie, der Wirtschaftswissenschaftler Carl Benedikt Frey und der Informatiker Michael A. Osborne haben über 700 Berufe auf ihre Anfälligkeit gegenüber der Digitalisierung untersucht. Ihr Fazit: Bei 47 Prozent der Berufe in den USA besteht das Risiko, dass sie in Zukunft überflüssig werden.

 

Der Grund: Computer können bald Dinge erledigen, die bislang nur Menschen zugetraut wurden. Nicht alle Experten teilen diese Meinung.
Der Einsatz von Robotern in der Arbeitswelt ist nur ein Teil des digitalen Wandels in unserem Leben. Praktisch alle Bereiche unseres Alltags werden durch die Digitalisierung gewandelt. Fast jeder trägt einen Kleincomputer ständig bei sich (Smartphone).

Ein modernes Auto hat ca. 150 vernetzte Computerchips. Büros und Wohnhäuser haben vernetzte Räume (Internet der Dinge). Smart Grids bilden die Infrastruktur der Energiewende. Smarth Health ermöglicht kranken oder alten Menschen mehr Unabhängigkeit und Lebensqualität. Diese Auswirkungen der Digitalisierung auf die Industrie beschreibt das Konzept der Industrie 4.0.

Die Digitalisierung erfasst nach Medien, Finanzwesen und Handel nun verstärkt Bereiche wie Mobilität, Bildung, Gesundheitsversorgung und Industrie so Bitkom-Präsident Dieter Kemp. Auch das Lernen wird nicht von der Digitalen Transformation verschont. Mobile Learning, agiles Lernen, Blended Learning, MOOC und Deep Learning seien als Schlagwörter hier genannt.

Die Herausforderungen der Digitalen Transformation sind nicht nur Big Data, Internet der Dinge, Mobile Learning, Industrie 4.0 und digitale Geschäftsmodelle. Weitere Herausforderungen sind:

  • Welche persönliche Daten überlassen wir Anderen?
  • Die Sicherheitsfrage
  • Was geschieht mit dem eingangs erwähnten Humankapital?

Die Digitale Transformation verändert alte Berufsbilder und erzeugt auch neue Berufsbilder wie Tweet-Kurator, Community-Manager, Social Media Manager, Service-Designer, Chief Visioneering Officer, Facilitator, UI Design Engineer, Business Development Manager und Big Data Analyst. Nie etwas davon gehört? Das sind alles Jobbezeichnungen aus Stellenanzeigen der letzten Monate.

Erfordern diese neuen Berufsbilder neue Ausbildungen, neue Kompetenzen oder sogar einen neuen Bildungsbegriff? Es gibt heute Berufe, die es vor drei bis fünf Jahren noch nicht gab. Deswegen wagen wir die Prognose, dass 50% der Kinder, die dieses Jahr eingeschult werden, später in Berufen tätig sein werden, die wir heute noch nicht kennen. Das bedeutet, dass wir Menschen zurzeit auf eine Berufsrealität vorbereiten, die es in 10 Jahren nicht mehr geben wird.

Parallel zum digitalen Wandel und „Mobility everywhere“ wird die Welt immer komplexer bei steigender Dynamik. Der Organisationspsychologe Prof. Michael Kastner prägte hierfür das Kunstwort „Dynaxität“.

Die Digitale Transformation und die zunehmende Dynaxität der Systeme wird die Gesellschaft und Wirtschaft grundlegend wandeln. Dieser Wandel ist unausweichlich. Wir können ihn aber in unserem Sinne gestalten. Ob die Digitale Transformation sich als ein oktroyiertes Schicksal erweist oder als eine wertvolle Basis gesellschaftlichen Fortschritts und wirtschaftlichen Wachstums, liegt an uns.

Die Zukunft der Arbeit und der Gesellschaft müssen wir gestalten und dabei die Beschäftigten mitnehmen. Das wäre die wahre Transformation, die „Große Transformation“. Es ist Zeit zu handeln – politisch, unternehmerisch aber auch ganz persönlich. Wir brauchen eine neue Aufklärung.

Unter dem Begriff Aufklärung meint man allgemein die beginnende Verwandlung der Gesellschaft im 18. und 19. Jahrhundert. Die Selbstbefreiung des Bürgertums aus den Fängen von König und Kirche. Die Absage an Mythen und Aberglaube. Die Aufklärung war eine Grundlage der industriellen Revolution.

Nach dem Soziologen Dirk Baecker bewegen wir uns bereits in der nächsten Gesellschaft, der „Digitalen Gesellschaft“ (Baecker 2011). Deren Entstehung habe mit der Erfindung eines neuen Kommunikationsmediums begonnen – des Computers, der von Niklas Luhmann als „unsichtbare Maschine“ bezeichnet wird.

Die Bedeutung des Computers setzt Baecker mit der Einführung der Schrift vor 3.000 Jahren sowie des Buchdrucks vor 500 Jahren gleich. Weil sich die Formen der Kommunikation grundlegend geändert hätten, habe sich beide Male auch die Gesellschaft und deren Strukturform grundlegend verändert.

Wollen wir eine von den Kolossen Facebook und anderen Social Media Plattformen vorgezeichnete Zukunft? Google ergo sum? Oder wollen wir eine selbstbestimmte und selbst gestaltete Zukunft? Peter Senge setzt in dem Werk „Die notwendige Revolution“ (2012) auf Kreativität als Hauptkompetenz, um den drohenden Krisen zu begegnen.

Damit wir unser individuelles und kollektives Potenzial entfalten können, sei von wesentlicher Bedeutung, so Senge, dass wir den kreativen Prozess in Gang setzen, um die Herausforderungen zu bewältigen. Im 21. Jahrhundert sind vornehmlich Menschen gefragt, die ihre eigenen Fähigkeiten voll ausschöpfen und diese für die Mitgestaltung sämtlicher Lebensbereiche einzusetzen wissen, schreibt Lynda Gratton in ihrem aktuellen Buch: Die Erziehung zu einer selbstständigen Lebensführung und Eigeninitiative sei das vorrangige Bildungsziel der Gesellschaft (Job Future – Future Jobs: Wie wir von der neuen Arbeitswelt profitieren). Dazu gehört neben der Beseitigung des ungleichen Zugangs zu Computern, Internet und Kommunikationstechnologien aufgrund von Armut oder anderer struktureller Unterschieden (Digital Divide) die Aufklärung der Menschen, dass Sie in Zukunft mehr selbstbestimmt Leben.

Dazu benötigen sie ein Bündel von Kompetenzen. Ein fachübergreifende Metakompetenz (kritisches Hinterfragen von Informationen wird zur Schlüsselkompetenz), welche die Kompetenz zum Wissenserwerb, die Kompetenz zur kritischen Prüfung der Wissensbestände und die Kompetenz zur Aussonderung von unbrauchbarem Wissen einschließt. Weitere Kompetenzen, die die Metakompetenz ergänzen können sind:

  • Uniquability – Sei einzigartig und entfalte dein Potentiale, habe Werte
  • Selbstbestimmung – Reflexive Selbstbildung als Unternehmer seiner Selbst sein (sich selbstständig bilden und lernen, für sich und Andere Verantwortung übernehmen)
  • Volition – die Willenskraft mit der wir unsere Ziele erreichen (Umsetzungskompetenz oder die Kraft des Wollens)
  • Denken – Wissen ist wichtig, aber wichtiger ist die Art, wie man mit seinem Denken umgeht. Nicht Wissen sondern „Critical Thinking ist die Killerapplikation in der „Großen Transformation“
  • Kreativität – Kreativität ist die schöpferische Fähigkeit Neues zu schaffen
  • Kooperationsfähigkeit – In Zusammenarbeit mit Anderen eine kooperative Unternehmenskultur schaffen
  • Resilienz – Widerstandsfähigkeit gegenüber Störungen bleiben (meistern von Krisen durch Rückgriff auf persönliche und soziale Ressourcen)
  • Ganzheitliches Leadership – Sich und andere Führen, Komplexität managen, Netzwerke steuern, Risikokompetenz haben

Wir plädieren deshalb für eine neue Aufklärung, um die beginnende Verwandlung von Gesellschaft und Arbeitswelt durch die „Große Transformation“ zu gestalten. Zu dieser Aufklärung gehört die Beseitigung der digitalen Kluft sowie die Ausstattung des Menschen mit einem Bündel zeitgemäßer Kompetenzen. Diese „neue Aufklärung“ wäre eine Grundlage zum guten Gelingen der „Großen Transformation“.

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