Work-Life-Balance oder Work-Life-Bullshit?

© fotomek - Fotolia.com

© fotomek / Fotolia.

Infolge meiner Promotion zum Thema Resilienz bin ich über die Begriffe Stress, Burn-out und Work-Life-Balance auf das Buch „Work-Life-Bullshit“ von Thomas Vašek gestoßen. In diesem Buch beschreibt Vašek das der Begriff „Work-Life-Balance“ ein Selbstbetrug sei, da er den Arbeitnehmer nicht als handelndes Subjekt betrachte, sondern suggeriere, dass das wahre Leben erst nach Feierabend beginne. Vašek setzt sich in seinem Buch für eine systematische Neubewertung der Arbeit, auf individueller, ökonomischer und gesellschaftlicher Ebene ein.

 

Er untermauert diese Forderung damit, dass der Wert der Arbeit zum einem davon abhängt, was wir persönlich aus der Arbeit machen und zum anderen wie sich Politik und Gesellschaft ihrer annehmen, um sie als Lebensform sicherzustellen unter Gewährleistung von Chancengleichheit. Die Kernthese von Thomas Vašek lautet: Die Trennung von „Arbeit“ und „Leben“ führt in die Irre – und damit ist die Vorstellung, dass das „wahre Leben“ erst nach Feierabend beginne obsolet. Was aber ist gute Arbeit? Laut Vašek müssen sieben Forderungen erfüllt sein:

  1. Gute Arbeit steht im Einklang mit unseren Werten und Gefühlen und ermöglicht dadurch ein authentisches Leben.
  2. Gute Arbeit schafft Erfahrungen, die uns bereichern.
  3. Gute Arbeit vermittelt uns Anerkennung, nicht nur finanzielle.
  4. Gute Arbeit schafft Gründe für Kooperationen mit anderen Menschen und fördert dadurch soziale Bindungen.
  5. Gute Arbeit fordert uns heraus, so dass wir von Zeit zu Zeit einen Flow erleben, also ganz in unserer Tätigkeit aufgehen. Permanente Überforderung oder Unterforderung findet nicht statt.
  6. Gute Arbeit enthält frei verfügbare Zeiten, wie Ruhephasen und Elemente von Muße. Sie besteht also nicht darin, die ganze Zeit nur tätig zu sein.
  7. Gute Arbeit erzeugt Gewohnheiten und gibt dadurch unserem Leben einen verlässlichen Rahmen.

Vašek fordert weiterhin dass wir die Fragen zu gelungener Arbeit nicht Politikern, Managern und Gewerkschaftern überlassen sollen, sondern sie selbst in die Hand nehmen und für gute Arbeit auf die Barrikaden gehen sollen. Er fordert daher eine neue „Arbeitsbewegung“.
Da stelle ich mir die Fragen: Beginnt das wahre Leben wirklich erst nach Feierabend? Was ist gute Arbeit? Wie können wir gute Arbeit für alle schaffen? Was heißt das für Politik und Gesellschaft?

Aus meinen persönlichen Erfahrungen und nicht zuletzt aus den Erkenntnissen meiner Forschung zum Themenfeld der Resilienz (mit Resilienz ist hier die seelische Widerstandsfähigkeit gemeint – warum manche Menschen besser mit Krisen umgehen als andere) führen mich zu der Behauptung dass eine Trennung von Erwerbsarbeit und Leben doch sinnvoll sein könnte, um den Mensch vor zu viel Arbeit zu schützen, weil er manchmal selbst nicht schafft. Zwei gute Gründe dafür sind:

  1. Menschen, die ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Arbeit legen, geraten allzu leicht in einen süchtig machenden Kreislauf. Ohne ausreichendes Gegengewicht ist das nicht gesund und führt zu Stress und Burn-out. Der Branchenverband Bitkom hat in einer Umfrage herausgefunden, dass 77 Prozent aller Berufstätigen in Deutschland außerhalb ihrer regulären Arbeitszeit für die Firma per Handy oder per Mail erreichbar sind. 30 Prozent stehen sogar rund um die Uhr zur Verfügung.
  2. Nicht jeder kann passend zu seinem Potenzial und seiner Persönlichkeit Arbeit bekommen. Das gibt der derzeitige Arbeitsmarkt und die derzeitigen Systeme und Strukturen von Organisationen und Management, die noch im 20. Jahrhundert festhängen, gar nicht her.

Fakt ist, wir brauchen gute Arbeit, die unsere Fähigkeiten zur Geltung bringt für ein gutes Leben. Darauf hat jeder Mensch Anspruch. Die Erwerbsarbeit ist anders geworden, die Art sie zu managen ist gleich geblieben, folglich wird der Stress größer, ergo wird die Trennung wichtig. Es gilt also herauszufinden, welches Betätigungsfeld dem Einzelnen liegt, welche Arbeit für ihn „gut“ ist.

Und es geht nicht darum, jeden Menschen auf Teufel kommt raus in ein Arbeitsumfeld zu pressen, in dem Teamgeist, Führungswille und Ellenbogen gefragt sind.

Die „Digitale Transformation“ ist kein #Neuland mehr. Am Stichwort „Homeoffice“ möchte ich dies erläutern. Die „Digitale Transformation“ ermöglicht virtuelle Präsenz bei der Arbeit, denn Zeit und Ort der Arbeitsverrichtung spielen eine zunehmend geringere Rolle. Dies erfordert Veränderungsbereitschaft bei Mitarbeitern und Führungskräften. Vertrauenskultur und Shareconomy sind dafür notwendig. Ebenso die Etablierung einer fluiden Unternehmensorganisation. Und schon sind wir auf dem Weg in eine humanere und effizientere Arbeitswelt. Der Mensch rückt wieder ins Zentrum.

Das sind für viele eine Menge Veränderungen, Neuland eben! Insbesondere die Auswirkungen auf HR sind massiv.
Über diese Fragen und viele aktuelle Themen rund um die Arbeit möchten wir auf diesem Blog mit allen Interessierten diskutieren.

4 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.