KI verändert die Arbeit – nicht von unten, sondern von oben.

29.03.26

Innerhalb weniger Tage haben drei gänzlich unterschiedliche Forscher, Karpathy, Webb und Brookings, dasselbe gezeigt: KI verändert die Arbeitswelt – und sie beginnt dabei nicht unten, sondern oben. Was das für deutsche Organisationen bedeutet, zeigen wir in diesem Beitrag.

Andrej Karpathy: Die Exposition der Besserverdienenden.

Andrej Karpathy, Mitgründer von OpenAI, veröffentlichte Mitte März 2026 eine interaktive Analyse des US-amerikanischen Arbeitsmarkts. 342 Berufe, 143 Millionen Jobs, bewertet nach ihrer Exposition gegenüber KI-Automatisierung. Das Ergebnis war unangenehm eindeutig: Die am stärksten betroffenen Berufe sind nicht die einfachsten, sondern die bestbezahltesten. Berufe mit einem Jahreseinkommen über 100.000 Dollar erreichten im Schnitt 6,7 von 10 möglichen Expositionspunkten. Berufe unter 35.000 Dollar: 3,4 Punkte.

Wer am Schreibtisch sitzt und mit Dokumenten, Daten oder Kommunikation arbeitet, ist am stärksten betroffen. Das betrifft Rechtsanwälte, Finanzanalysten und Unternehmensberater – aber eben Sachbearbeiterinnen, Projektassistenten und Verwaltungsfachkräfte. Der Unterschied: Hochqualifizierte verfügen meist über Ressourcen, Netzwerke und übertragbare Kompetenzen, um sich anzupassen. Routinemäßige Büroberufe haben diese Puffer oft nicht. Diese Differenzierung ist wichtig – sie erklärt, warum Karpathys Befund kein abstraktes Zukunftsszenario ist, sondern eine konkrete Herausforderung für Personalverantwortliche heute.

Amy Webb: Die Entkopplung von Wachstum und Beschäftigung.

Amy Webb, Strategieberaterin und Gründerin der Future Today Strategy Group, stellte zur selben Zeit auf der SXSW ihren Convergence Outlook 2026 vor. Ihre zentrale These: Wir erleben nicht mehr einzelne Trends, sondern das Aufeinandertreffen mehrerer Kräfte gleichzeitig. Eine davon nennt sie die „New Labor Equation“ – die Entkopplung von wirtschaftlichem Wachstum und Beschäftigung. KI-Agenten können erstellen, analysieren, koordinieren und verkaufen. Das verändert nicht nur einzelne Aufgaben, sondern die Grundlogik, wie Organisationen Wert schaffen.

Was das konkret bedeutet: Ein Unternehmen kann seinen Umsatz steigern, ohne neue Mitarbeitende einzustellen – weil KI-Systeme einen wachsenden Teil der Wissensarbeit übernehmen. Für eine Projektassistenz, die Berichte aufbereitet und Besprechungen koordiniert, bedeutet das: Nicht ihr Job verschwindet sofort, aber der Wert, den sie in dieser Rolle schafft, wird kleiner – und die Anforderungen an das, was sie darüber hinaus leisten soll, werden größer. Wer diesen Übergang aktiv begleitet, schafft Perspektiven. Wer ihn ignoriert, schafft Unsicherheit.

Brookings Institute: Wer besonders verletzlich ist.

Das Brookings Institute hat untersucht, welche Beschäftigten bei KI-bedingtem Jobverlust am wenigsten Ausweichmöglichkeiten haben. Das Ergebnis differenziert den Befund: Hochqualifizierte mit hoher KI-Exposition haben meist auch die nötigen Ressourcen, um sich anzupassen – Netzwerke, Ersparnisse, übertragbare Fähigkeiten. Weit stärker gefährdet sind Beschäftigte in Routinebürojobs: Verwaltungsassistenten, Sachbearbeiter, medizinische Schreibkräfte. Hohe Exposition, geringe Anpassungsfähigkeit, wenig Unterstützung.

Was das für deutsche Organisationen bedeutet

Die Analysen stammen aus den USA. Aber die Muster gelten auch hier. Stellen Sie sich einen typischen Betrieb mit 15 bis 30 Mitarbeitenden vor: ein mittelständisches Planungsbüro, ein Handwerksunternehmen mit Verwaltung, ein regionaler Dienstleister. In solchen Betrieben gibt es meistens zwei bis vier Stellen, die stark mit dokumentenbasierter Arbeit befasst sind – Auftragsbearbeitung, Projektassistenz, Controlling-Zuarbeit, HR-Administration. Genau diese Stellen erreichen nach Karpathys Maßstab Expositionswerte zwischen 6 und 8.

Das heißt nicht, dass diese Stellen morgen wegfallen. Es heißt, dass sich die Aufgabenprofile verändern werden – schneller, als die meisten Unternehmen planen. Wer in diesen Rollen arbeitet, wird zunehmend mit KI-Werkzeugen zusammenarbeiten müssen: Texte prüfen, Auswertungen hinterfragen, Entscheidungen absichern. Wer das kann, bleibt unverzichtbar. Wer darauf nicht vorbereitet ist, gerät unter Druck.

Wer in einem kleinen oder mittleren Unternehmen Verantwortung trägt – für Teams, Prozesse, Projekte –, hat in aller Regel Mitarbeitende in genau diesen Berufen. Das sind die Stellen, an denen KI-Werkzeuge zuerst eingesetzt werden. Und das sind die Stellen, an denen der Unterschied zwischen „Wir haben das begleitet“ und „Es ist einfach passiert“ am deutlichsten wird.

Drei Schlussfolgerungen

  • Abwarten ist keine Strategie. Die Veränderung kommt nicht eines Tages – sie ist bereits im Gange. Unternehmen, die jetzt beginnen, Kompetenzen aufzubauen, haben einen Vorsprung. Unternehmen, die warten, bis der Druck von außen kommt, reagieren unter schlechteren Bedingungen.
  • Reskilling kann nicht delegiert werden. Weder an die IT-Abteilung noch an den Staat noch an die Mitarbeitenden selbst. Es braucht eine bewusste Entscheidung auf Führungsebene: Welche Kompetenzen benötigen wir, welche haben wir, wie schließen wir die Lücke?
  • Nicht Technologie ist das Problem – fehlendes Urteilsvermögen ist das Risiko. Die entscheidende Frage ist nicht, ob ein Unternehmen KI einsetzt, sondern ob die Menschen im Unternehmen in der Lage sind, KI-Outputs zu beurteilen, Grenzen zu erkennen und souverän zu entscheiden. Das ist keine technische Kompetenz. Es ist Urteilsvermögen – und das ist lernbar.

Was bedeutet das konkret als nächsten Schritt? In der Praxis empfehle ich, zunächst eine einfache Bestandsaufnahme zu machen: Welche drei bis fünf Stellen in meinem Betrieb haben den höchsten Anteil an dokumenten- und datenbasierter Arbeit? Wer sitzt dort, und wie gut ist diese Person auf ein Arbeitsumfeld vorbereitet, in dem KI-Werkzeuge zur Normalausstattung gehören? Diese Frage benötigt keine Unternehmensberatung und kein Transformationsprogramm. Sie benötigt eine halbe Stunde ehrliche Reflexion – und die Bereitschaft, daraus Konsequenzen zu ziehen.

Was MTI daraus macht

Kurse und Beratungsarbeit sind bei MTI genau auf diese Situation ausgerichtet. Ausgangspunkt ist die Frage, die viele Unternehmen bewegt: Wo stehen wir eigentlich? Welche Rollen sind betroffen, welche Kompetenzen fehlen, und wo fangen wir sinnvollerweise an?

Der KI-Führerschein vermittelt Grundkompetenz: Was ist KI, wie funktioniert sie, wo sind ihre Grenzen? Der zweite Kurs geht einen Schritt weiter: Wie bewertet man KI-Ergebnisse, wie erkennt man Fehler, wie trifft man fundierte Entscheidungen auf Basis von KI‑Outputs? Wer einen strukturierten Einstieg für sein Team sucht, kann mit dem kostenlosen KI-Kompetenzcheck auf www.motif.institute beginnen.

Das ist kein Technologietraining. Es ist Kompetenzaufbau – für Menschen, die in einer Welt arbeiten, in der KI-Werkzeuge schon da sind, aber das Urteilsvermögen noch nicht nachgezogen hat.

Eine Frage zum Schluss

Welche Berufe in Ihrem Unternehmen hätten nach Karpathys Maßstab einen hohen Expositionswert – und was tun Sie konkret, um die Menschen in diesen Rollen vorzubereiten?

Wenn Sie auf diese Frage noch keine klare Antwort haben, ist das kein Versagen. Es ist ein Ausgangspunkt. Und genau dort fangen wir an.

Häufige Fragen zum Thema

Welche Jobs sind durch KI am stärksten gefährdet?

Laut der Analyse von Andrej Karpathy (März 2026) sind vorwiegend Berufe mit hohem Anteil an Bildschirmarbeit betroffen: medizinische Schreibkräfte, Rechtsberufe, Finanzanalysten, Sachbearbeiter und Verwaltungsassistenten. Diese Tätigkeiten erzielen Expositionswerte von 7 bis 10 auf einer Skala von 0 bis 10. Entscheidend ist dabei nicht der Jobverlust, sondern die Veränderung der Aufgaben: Was bleibt, was wird automatisiert, was wird neu gefordert? Für Unternehmen bedeutet das, dass Stellen in Verwaltung, Auftragsbearbeitung und Projektassistenz besondere Aufmerksamkeit benötigen.

Was bedeutet KI-Automatisierung konkret für kleine und mittlere Unternehmen?

Für Unternehmen sind zwei Ebenen relevant. Erstens die operative Ebene: Welche Aufgaben in bestehenden Rollen können durch KI-Werkzeuge effizienter erledigt werden – und sind die Mitarbeitenden darauf vorbereitet? Zweitens die strategische Ebene: Wie verändert KI die Erwartungen von Kunden, Partnern und Wettbewerbern – und wie reagiert das Unternehmen? Wer jetzt Kompetenzlücken erkennt und gezielt schließt, handelt proaktiv. Wer wartet, bis der Druck von außen kommt, reagiert unter ungünstigeren Bedingungen.

Was ist Reskilling und warum ist es für Unternehmen wichtig?

Reskilling bezeichnet den gezielten Aufbau neuer Kompetenzen, wenn bisherige Fähigkeiten durch technologischen Wandel an Bedeutung verlieren. Im Kontext von KI geht es nicht darum, Programmierkenntnisse zu erwerben, sondern darum, KI-Outputs beurteilen, Fehler erkennen und souverän entscheiden zu können. Für Unternehmen ist Reskilling deshalb wichtig, weil externe Lösungen – staatliche Programme, Brancheninitiativen – zu langsam greifen. Wer handlungsfähig bleiben will, muss Kompetenzaufbau selbst in die Hand nehmen.

Wer hat besonders hohe KI-Exposition und gleichzeitig geringe Anpassungsmöglichkeiten?

Das Brookings Institute (2026) hat diese Gruppe genau identifiziert: Beschäftigte in Routinebürojobs – Verwaltungsassistenten, Sachbearbeiter, Rezeptionisten, medizinische Schreibkräfte. Diese Berufe haben eine hohe Exposition gegenüber KI-Automatisierung, aber vergleichsweise geringe finanzielle Puffer, eingeschränkte berufliche Netzwerke und weniger übertragbare Fähigkeiten als hochqualifizierte Berufe. Das macht sie besonders verletzlich – und besonders relevant für eine verantwortungsvolle Personalstrategie in Unternehmen.

Wie unterscheidet sich Reskilling von klassischer Weiterbildung?

Klassische Weiterbildung ergänzt vorhandene Kompetenzen – sie vertieft, was bereits da ist. Reskilling geht weiter: Es geht darum, neue Grundlagen zu legen, weil sich die Anforderungen an eine Rolle fundamental verändern. Wer bisher Berichte manuell erstellt hat und nun mit KI-Tools arbeiten soll, benötigt kein Auffrischungstraining. Er oder sie benötigt ein neues Kompetenzfundament: Wie funktioniert das Werkzeug, wo täuscht es mich, wie erkenne ich Fehler, wie bleibe ich entscheidungsfähig? Das ist ein anderer Lernprozess – systematischer, tiefer, und er benötigt eine bewusste Begleitung vonseiten der Führung.

Wie können KMU mit begrenzten Ressourcen Reskilling umsetzen?

Der erste Schritt ist eine ehrliche Bestandsaufnahme: Welche Rollen im Unternehmen sind betroffen, welche Kompetenzen fehlen, welche können intern aufgebaut werden? Reskilling muss nicht teuer sein – strukturierte Online-Kurse wie der MTI-KI-Führerschein (199 €, ZFU-zertifiziert) bieten eine zugängliche Grundlage. Entscheidend ist nicht das Budget, sondern die Bereitschaft, Kompetenzaufbau als strategische Aufgabe zu begreifen und nicht als einmalige Schulungsmaßnahme. Weitere Informationen zu Kursen und Beratungsangeboten finden Sie unter www.motif.institute.

Über den Autor

Dr. Stefan Bleses

Seit über 38 Jahren helfe ich als Diplompädagoge und promovierter Erziehungswissenschaftler Organisationen und Menschen, Veränderungen zu gestalten. Heute konzentriere ich mich darauf, Kompetenzen für die KI-Ära zu fördern. Am Ende bestimmt stets der Mensch den Wandel.

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