
Bevor ein Unternehmen beginnt, KI-Kompetenz aufzubauen, stellt sich eine grundlegende Frage: Wo steht es heute? Diese Frage klingt einfach, wird aber in der Praxis erstaunlich selten systematisch beantwortet. Stattdessen werden Schulungen gebucht, Werkzeuge eingeführt oder externe Berater engagiert – ohne dass klar ist, welche Kompetenzen bereits vorhanden sind, welche fehlen und welche sich mit vertretbarem Aufwand entwickeln lassen. Die Folge sind Maßnahmen, die am tatsächlichen Bedarf vorbeigehen.
Im MTI-Transformationsdesign ist die Kompetenzstandortbestimmung kein optionaler Einstieg, sondern ein methodisch notwendiger erster Schritt. Sie schafft die Informationsbasis, auf der alle weiteren Entscheidungen aufbauen – von der Auswahl geeigneter Lernformate bis zur Priorisierung von Pilotprojekten. In diesem Beitrag beschreibe ich, wie wir eine solche Standortbestimmung konkret durchführen und was sie leisten kann.
Warum Standortbestimmung vor jeder KI-Initiative kommt
In unserer Beratungspraxis erleben wir regelmäßig, wie Unternehmen KI-Initiativen starten, ohne eine klare Vorstellung ihrer Ausgangslage zu haben. Das ist kein Leichtsinn, sondern ein verbreiteter blinder Fleck: KI-Kompetenz ist schwer zu beobachten, weil sie sich kaum in Zertifikaten oder Stellenbeschreibungen niederschlägt. Ein Mitarbeiter, der privat täglich mit KI-Werkzeugen experimentiert, taucht in keiner HR-Statistik auf. Eine Teamleiterin, die KI-Ergebnisse kritisch bewertet, ohne es explizit zu benennen, wird in keiner Kompetenzmatrix erfasst.
Wer nicht weiß, was bereits vorhanden ist, investiert entweder in Kompetenzen, die das Team längst mitbringt, oder übersieht kritische Lücken, die sich später als teuer erweisen. Eine sorgfältige Standortbestimmung ersetzt diese Annahmen durch belastbare Einschätzungen – und gibt Führungskräften eine sachliche Grundlage für ihre nächsten Entscheidungen.
Was eine Kompetenzstandortbestimmung konkret erfasst
Eine Kompetenzstandortbestimmung ist keine Prüfung und kein Ranking. Sie ist eine strukturierte Bestandsaufnahme, die drei Dimensionen in den Blick nimmt.
Die erste Dimension ist die KI-Exposition: Welche Tätigkeiten im Unternehmen sind durch KI in welchem Maß veränderbar? Hier arbeiten wir mit einem Berufsfeld-Mapping, das auf Basis aktueller Arbeitsmarktforschung zeigt, welche Aufgabenprofile stärker und welche weniger stark betroffen sind. Nicht jede Stelle ist gleich exponiert – und das ist bereits ein wichtiges Ergebnis der ersten Ebene.
Die zweite Dimension ist die Kompetenzbilanz: Was weiß das Team bereits über KI, was kann es einschätzen, und wo beginnt die Unsicherheit? Dabei geht es nicht um technisches Detailwissen, sondern um Urteilsvermögen: Kann jemand einschätzen, wann ein KI-Ergebnis verlässlich ist und wann nicht? Weiß jemand, welche Arten von Aufgaben sich für KI eignen – und welche nicht?
Die dritte Dimension ist die Handlungsbereitschaft: Gibt es im Unternehmen Personen, die bereits aktiv mit KI arbeiten? Gibt es Vorbehalte, die nicht technischer, sondern kultureller Natur sind? Diese Dimension ist oft die entscheidende – denn Kompetenzaufbau ohne Handlungsbereitschaft bleibt Theorie.
Wie das MTI die Standortbestimmung methodisch durchführt
Die Kompetenzstandortbestimmung ist im MTI-Transformationsdesign methodisch eingebettet. Transformationsdesign ist die Methodik, die wir seit der Gründung des MTI 1999 in der Praxis entwickelt und verfeinert haben. Sie beruht auf drei Säulen: Transformationsdesign im engeren Sinn (Vision, Stakeholder-Empathie, Co-Creation und adaptive Strategie), Kompetenzentwicklung (Urteilsvermögen und Handlungskompetenz stärken statt Funktionen trainieren) sowie KI-Integration (KI verantwortungsvoll als Werkzeug einsetzen, nicht als Ersatz für menschliches Urteil).
Inhaltlich ist die Standortbestimmung dem ersten und zweiten Schritt unseres 8-Schritte-Prozesses zugeordnet: „Vision visualisieren“ und „Herausforderung klären“. Bevor ein Unternehmen wissen kann, welche KI-Kompetenzen es braucht, muss es wissen, wohin es will – und wo es heute steht. Diese beiden Fragen können nicht getrennt werden.
Methodisch gehen wir in drei Phasen vor. In der ersten Phase führen wir eine strukturierte Analyse der Tätigkeitsprofile durch – auf Basis des KI-Kompetenzcheck-Instruments, das wir als kostenloses Diagnosewerkzeug entwickelt haben. In der zweiten Phase führen wir persönliche Auswertungsgespräche, in denen die Ergebnisse individuell eingeordnet werden: Was bedeutet die eigene KI-Exposition konkret für diesen Beruf, dieses Unternehmen, diese Situation? In der dritten Phase fassen wir die Einzelergebnisse zu einem Gesamtbild zusammen – als Grundlage für die weitere Planung.
Das Ergebnis ist keine Rangliste, sondern eine differenzierte Einschätzung: Wer bringt bereits welche Kompetenzen mit? Wo liegen strategisch wichtige Lücken? Und was ist der nächste sinnvolle Schritt?
Beispiel aus der Praxis
Nina Hoffmann ist HR-Leiterin bei Kellner & Partner Steuerberatungsgesellschaft mbH, einem Steuerberatungsbüro mit 85 Mitarbeitenden. Als sie das Thema KI strukturiert angehen wollte, stand am Anfang nicht die Frage, welche Tools einzuführen sind – sondern die Frage, wo das Team heute steht.
In Phase 1 analysierten wir gemeinsam die Tätigkeitsprofile: Stellenbesetzung, Onboarding, Mitarbeitergespräche. Das Expositionsbild zeigte deutliche Unterschiede – einige Tätigkeiten hatten hohes Veränderungspotenzial, andere waren kaum betroffen. In Phase 2 ergab der KI-Kompetenzcheck ein differenziertes Bild: Vier Mitarbeitende nutzten KI bereits aktiv, sieben befanden sich in der Orientierungsphase, drei standen dem Thema skeptisch gegenüber – mit benennbaren Vorbehalten.
Das Ergebnis war kein Ranking, sondern eine differenzierte Einschätzung: Wo lassen sich vorhandene Stärken ausbauen? Wo braucht es gezielte Förderung? Und welche Bedenken müssen zuerst adressiert werden, bevor weitere Schritte sinnvoll sind? Auf dieser Grundlage konnte Nina mit klarem Fokus planen – statt mit dem breiten Gießkannenprinzip zu starten.
Was aus der Standortbestimmung folgt
Eine Kompetenzstandortbestimmung ist kein Selbstzweck. Sie ist der Ausgangspunkt für Entscheidungen – und hier zeigt sich, ob eine Organisation bereit ist, systematisch zu handeln. In der Praxis ergeben sich typischerweise drei mögliche Pfade.
- Strukturierter Kompetenzaufbau: Wenn das Team in bestimmten Bereichen klare Lücken aufweist, lassen sich diese gezielt schließen – etwa durch unsere Kursreihe oder durch interne Lernformate, die wir gemeinsam entwickeln.
- Pilotierung: Wenn bereits Kompetenz vorhanden ist, die noch nicht systematisch eingesetzt wird, lohnt sich ein erster Pilotversuch im echten Arbeitskontext – mit definierten Zielen und Erfolgskriterien.
- Begleitete KI-Transformation: Wenn die Komplexität der Herausforderung über Einzelmaßnahmen hinausgeht, ist eine strukturierte Begleitung auf Organisationsebene der geeignetere Weg.
Was wir in der Praxis immer wieder beobachten: Unternehmen, die mit einer sorgfältigen Standortbestimmung beginnen, treffen bessere Entscheidungen. Nicht weil sie mehr Geld ausgeben, sondern weil sie gezielter investieren.
Was MTI dazu anbietet
Der KI-Kompetenzcheck ist das zentrale Diagnosewerkzeug des MTI – und kostenlos verfügbar. Er führt durch vier Phasen: Berufsbild heute, KI-Exposition, Kompetenzbilanz und nächster Schritt. Wer ihn ausgefüllt hat und die Ergebnisse persönlich einordnen möchte, bucht ein Auswertungsgespräch mit uns.
Für Unternehmen, die auf Basis der Standortbestimmung konkrete Maßnahmen ableiten möchten, bieten sich unsere drei aufeinander aufbauenden Kurse an: der KI-Führerschein (Stufe 1, ZFU-zertifiziert), der Kurs „KI-Möglichkeiten bewerten“ (Stufe 2) und der Kurs „KI-Transformation gestalten“ (Stufe 3).
Für eine Standortbestimmung auf Organisationsebene – mit Auswertung auf Teamebene und Ableitung konkreter nächster Schritte – steht das MIT als Beratungspartner zur Verfügung, im Beratungsworkshop oder im Rahmen einer längerfristigen Projektbegleitung.
Eine Frage zum Schluss
Wissen Sie, welche KI-Kompetenzen in Ihrem Unternehmen bereits vorhanden sind – und wo die größten Lücken liegen?
Ohne diese Antwort ist jede KI-Initiative ein Schuss ins Blaue. Die Standortbestimmung kostet Zeit, aber sie spart Aufwand an jeder anderen Stelle im Prozess. Starten Sie den ersten Schritt Ihrer Lernreise und machen Sie den Kompetenzcheck.
Häufige Fragen zum Thema
Was ist eine Kompetenzstandortbestimmung im KI-Kontext?
Eine Kompetenzstandortbestimmung ist eine strukturierte Bestandsaufnahme, die erfasst, welche KI-bezogenen Kompetenzen im Unternehmen vorhanden sind, welche fehlen und wie stark einzelne Tätigkeitsbereiche durch KI betroffen sind. Im MTI-Ansatz umfasst sie drei Dimensionen: KI-Exposition, Kompetenzbilanz und Handlungsbereitschaft. Das Ergebnis ist keine Rangliste, sondern eine differenzierte Entscheidungsgrundlage.
Wie unterscheidet sich das vom klassischen Kompetenzcheck?
Ein klassischer Kompetenzcheck erfasst allgemeine berufliche Fähigkeiten – oft auf Basis von Selbsteinschätzungen oder standardisierten Tests. Die KI-spezifische Standortbestimmung fragt gezielter: Welche konkreten Tätigkeiten sind durch KI veränderbar, und welches Urteilsvermögen benötige ich dafür? Der MTI-KI-Kompetenzcheck verbindet aktuelle Arbeitsmarktforschung mit dem individuellen beruflichen Kontext.
Wie lange dauert eine Kompetenzstandortbestimmung?
Das hängt vom Umfang ab. Der KI-Kompetenzcheck als Selbstdiagnose ist in 30 bis 45 Minuten ausgefüllt. Ein persönliches Auswertungsgespräch dauert 60 Minuten. Für die Standortbestimmung einer ganzen Abteilung oder eines Unternehmens – mit Auswertung auf Teamebene – sollte ein halber bis ein ganzer Beratungstag eingeplant werden.
Benötigt man technisches Vorwissen für die Standortbestimmung?
Nein. Die Standortbestimmung richtet sich an Führungskräfte und Mitarbeitende ohne technischen Hintergrund. Sie fragt nicht nach Programmierkenntnissen oder Algorithmusverständnis, sondern nach dem konkreten Arbeitsalltag: Welche Aufgaben erledigen Sie täglich, und welche davon könnten durch KI verändert werden? Das Instrument ist bewusst so gestaltet, dass es ohne Vorkenntnisse nutzbar ist.
Was passiert nach der Kompetenzstandortbestimmung?
Die Standortbestimmung liefert eine differenzierte Einschätzung der aktuellen Situation – und damit die Grundlage für die nächsten Schritte. Das kann strukturierter Kompetenzaufbau über unsere Kursreihe sein, ein erster Pilotversuch im Arbeitskontext oder eine begleitete KI-Transformation auf Organisationsebene. Welcher Pfad passt, ergibt sich unmittelbar aus den Ergebnissen der Standortbestimmung.
